Autismus-Spektrum-Störung im Erwachsenenalter — Einordnung und Begleitung per Videosprechstunde
Eine andere Wahrnehmungs- und Kommunikationsweise wird bei Erwachsenen oft erst spät erkannt. Erstgespräch, Einordnung und Begleitung erfolgen per Videosprechstunde.
Kurz zusammengefasst
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS) beschreibt eine andere neurologische Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Verarbeitungsweise — keine Erziehungs- oder Charakterfrage.
- Kernbereiche sind soziale Kommunikation/Interaktion sowie repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Sensorik — die Ausprägung ist individuell sehr unterschiedlich.
- Bei Erwachsenen, insbesondere Frauen, bleibt ASS durch erlernte Kompensationsstrategien (Camouflaging) oft lange unerkannt.
- Eine vollständige Diagnosebestätigung kann zusätzliche, teils spezialisierte Verfahren erfordern — Erstgespräch und Einordnung sind per Video möglich.
- Die Begleitung erfolgt bei NOVAMED per Videosprechstunde — Schwerpunkt Berlin und Frankfurt/Rhein-Main, bundesweit.
Was ist eine Autismus-Spektrum-Störung?
Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine tiefgreifende, bereits früh im Leben beginnende neurologische Entwicklungsbesonderheit. Sie betrifft vor allem die Art, wie soziale Signale wahrgenommen und Kommunikation gestaltet wird, sowie den Umgang mit Reizen, Routinen und Interessen. Der Begriff „Spektrum" verweist darauf, dass sich Ausprägung und Auswirkungen von Person zu Person stark unterscheiden — von einer eher zurückhaltenden Ausprägung bis zu deutlichem Unterstützungsbedarf im Alltag.
Frühere, getrennte Diagnosen wie das Asperger-Syndrom oder der frühkindliche Autismus wurden in den aktuellen Klassifikationssystemen in die gemeinsame Kategorie Autismus-Spektrum-Störung überführt, da sich klare Trennlinien zwischen den Unterformen in der Praxis nicht bestätigt haben.
Wie häufig ist ASS?
Schätzungen gehen von etwa 1 % der Bevölkerung aus, die im Autismus-Spektrum liegt. Die Diagnose wird bei Jungen und Männern deutlich häufiger gestellt als bei Mädchen und Frauen — ein Unterschied, der nach aktuellem Kenntnisstand teilweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptomdarstellung sowie auf eine ausgeprägtere Fähigkeit zur Kompensation bei Frauen zurückgeführt wird, nicht allein auf eine tatsächlich geringere Häufigkeit.
Wodurch entsteht ASS?
Die genauen Ursachen sind nicht abschließend geklärt. Nach aktuellem wissenschaftlichem Verständnis spielen genetische Faktoren eine sehr große Rolle; ASS gehört zu den psychiatrischen Diagnosen mit der höchsten erblichen Komponente. Zusätzlich werden Unterschiede in der frühen Hirnentwicklung diskutiert. Es handelt sich ausdrücklich nicht um die Folge eines bestimmten Erziehungsstils oder anderer psychosozialer Einflüsse durch die Eltern — diese in der Vergangenheit vertretene Annahme gilt heute als überholt.
Symptome
Die Merkmale lassen sich grob zwei Bereichen zuordnen, deren Ausprägung individuell sehr unterschiedlich ist:
- Soziale Kommunikation und Interaktion: Andere Herangehensweise an Blickkontakt, Mimik und Gestik; Schwierigkeiten, unausgesprochene soziale Regeln oder Ironie intuitiv zu erfassen; oft ein sehr direkter, wenig „gefilterter" Kommunikationsstil; Herausforderungen beim Aufbau und Erhalt sozialer Beziehungen
- Repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Sensorik: Ausgeprägtes Bedürfnis nach Routinen und Vorhersehbarkeit; intensive, oft sehr spezifische Interessengebiete; wiederkehrende Bewegungs- oder Verhaltensmuster; über- oder unterempfindliche Reaktion auf Sinnesreize wie Geräusche, Licht, Berührung oder Gerüche
Viele erwachsene Betroffene berichten zusätzlich von einer hohen Erschöpfung nach sozialen Situationen sowie vom Bedürfnis nach klar strukturiertem Rückzug, um Reize zu verarbeiten.
ASS im Erwachsenenalter — Camouflaging und späte Diagnose
Viele Erwachsene mit ASS haben über Jahre Strategien entwickelt, Merkmale bewusst oder unbewusst zu kompensieren beziehungsweise zu verbergen — dieses Phänomen wird als Camouflaging oder Masking bezeichnet. Es kommt bei Frauen besonders häufig vor und ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Diagnose oft erst im Erwachsenenalter gestellt wird, häufig nach jahrelanger Fehldeutung der eigenen Erfahrungen als soziale Unsicherheit, Schüchternheit oder Erschöpfung. Ein typischer Auslöser für die erstmalige ärztliche Abklärung im Erwachsenenalter ist eine Lebensphase mit erhöhter Belastung — etwa durch Berufswechsel, Elternschaft oder eine eigene depressive oder Erschöpfungsphase —, in der die bisherigen Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen.
Diagnostik
Es gibt keinen Labor- oder Bluttest für ASS. Grundlage jeder Einordnung ist ein ausführliches ärztliches Gespräch, ergänzt durch standardisierte Selbstauskunftsfragebögen wie den AQ (Autismus-Quotient) oder den RAADS-R. Dazu gehören insbesondere:
- Eine ausführliche Anamnese der aktuellen Beschwerden und ihrer Auswirkungen auf Alltag, Beruf und Beziehungen
- Ein Blick auf die Entwicklung in Kindheit und Jugend, da sich erste Merkmale typischerweise bereits früh zeigen — auch wenn sie damals nicht erkannt wurden
- Standardisierte Fragebögen zur Selbsteinschätzung
- Eine sorgfältige Abgrenzung zu anderen Erkrankungen mit ähnlichen Merkmalen
Anamnese, Fragebögen und eine erste fachärztliche Einordnung sind vollständig per Videosprechstunde möglich. Für eine umfassende, leitliniengerechte diagnostische Bestätigung sind bei Erwachsenen teils zusätzliche, spezialisierte Verfahren mit persönlichem Termin vorgesehen — in diesem Fall bespreche ich mit Ihnen die Möglichkeiten und vermittle bei Bedarf an eine entsprechende Stelle weiter.
Wichtige Abgrenzungen (Differenzialdiagnosen)
Da einzelne Merkmale auch bei anderen Erkrankungen auftreten können, gehört deren Berücksichtigung zu einer sorgfältigen Diagnostik dazu — etwa bei ADHS, sozialer Angststörung, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen oder in Abgrenzung zu einer grundsätzlich introvertierten, aber unauffälligen Persönlichkeit. Nicht selten bestehen ASS und eine oder mehrere dieser Erkrankungen auch gleichzeitig.
Begleiterkrankungen
ASS im Erwachsenenalter tritt häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf. Besonders verbreitet sind ADHS, Angststörungen, depressive Erkrankungen, Schlafstörungen und eine erhöhte Stressvulnerabilität mit Erschöpfungssymptomen. Eine sorgfältige Diagnostik berücksichtigt mögliche Begleiterkrankungen von Anfang an, da sie die Behandlung mit beeinflussen.
Begleitung und Behandlung
Für die Kernmerkmale von ASS selbst gibt es keine zugelassene medikamentöse Behandlung — Autismus ist keine „heilbare" Erkrankung im klassischen Sinn, sondern eine andere Art der Wahrnehmung und Verarbeitung. Im Mittelpunkt der ärztlichen Begleitung stehen daher:
- Psychoedukation: Einordnung der eigenen Erfahrungen, oft verbunden mit spürbarer Entlastung nach Jahren ungeklärter Selbstzweifel
- Begleiterkrankungen: Gezielte Behandlung von Angst, Depression, ADHS oder Schlafstörungen, sofern vorhanden
- Alltagsstrategien: Gemeinsame Erarbeitung von Strategien für Reizregulation, Energiehaushalt und soziale Situationen
- Vermittlung: Bei Bedarf Hinweise auf spezialisierte Diagnostikstellen, Autismus-Ambulanzen oder Selbsthilfestrukturen

Carina Kulik
Psychosomatik & Schmerzmedizin · Einordnung von ASS im Erwachsenenalter · Telemedizin bundesweit
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