ADHS im Erwachsenenalter — Diagnostik und Behandlung per Videosprechstunde
Konzentrationsprobleme und innere Unruhe sind oft neurobiologisch bedingt. Diagnostik und Behandlung erfolgen per Videosprechstunde.
Kurz zusammengefasst
- ADHS ist eine neurobiologisch bedingte Erkrankung — keine Charakterschwäche oder Erziehungsfrage.
- Die drei Kernbereiche sind Aufmerksamkeit, Hyperaktivität/innere Unruhe und Impulsivität, individuell unterschiedlich ausgeprägt.
- Die Diagnose ergibt sich aus ausführlicher Anamnese und standardisierten Fragebögen — es gibt keinen Bluttest dafür.
- Nicht jede Person mit ADHS benötigt Medikamente; die Behandlung wird individuell besprochen.
- Die Abklärung erfolgt bei NOVAMED per Videosprechstunde — Schwerpunkt Berlin und Frankfurt/Rhein-Main, bundesweit.
Was ist ADHS?
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zählt zu den sogenannten hyperkinetischen Störungen. Kennzeichnend sind drei Kernbereiche: eine erhöhte Ablenkbarkeit bzw. Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten, ein gesteigerter Bewegungsdrang bzw. innere Unruhe sowie eine erhöhte Impulsivität. Die Ausprägung ist individuell sehr unterschiedlich — bei manchen Betroffenen dominiert vor allem die Unaufmerksamkeit, bei anderen stehen Unruhe und Impulsivität im Vordergrund.
ADHS beginnt in aller Regel bereits im Kindesalter, wird aber bei einem erheblichen Teil der Betroffenen erst im Erwachsenenalter erkannt — insbesondere dann, wenn die Hyperaktivität im Laufe der Jahre einer eher inneren Unruhe gewichen ist und das äußere Erscheinungsbild dadurch weniger auffällig wirkt.
Wie häufig ist ADHS?
Im Kindes- und Jugendalter sind schätzungsweise 4–5 % betroffen, im Erwachsenenalter etwa 2–3 %. Bei einem beträchtlichen Teil der Kinder mit ADHS bleiben Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen — häufig allerdings in abgeschwächter oder veränderter Form. Jungen und Männer erhalten die Diagnose deutlich häufiger als Mädchen und Frauen, was auch daran liegt, dass sich ADHS bei Frauen oft weniger durch äußerlich sichtbare Hyperaktivität, sondern eher durch Aufmerksamkeitsprobleme zeigt und dadurch länger unerkannt bleibt.
Wodurch entsteht ADHS?
ADHS entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Genetische Einflüsse spielen eine sehr große Rolle — ADHS gehört zu den psychischen Erkrankungen mit der höchsten erblichen Komponente. Daneben lassen sich bei Betroffenen häufig Unterschiede in bestimmten Hirnregionen sowie in der Regulation der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin nachweisen, die für Aufmerksamkeit, Antrieb und Impulskontrolle mitverantwortlich sind. Auch Einflüsse während Schwangerschaft und Geburt sowie belastende Umweltfaktoren können das Erkrankungsrisiko mit beeinflussen. ADHS ist damit ausdrücklich keine Frage von Erziehung, Willenskraft oder Charakter.
Symptome
Die Symptome lassen sich grob drei Bereichen zuordnen, die bei jeder betroffenen Person unterschiedlich stark ausgeprägt sein können:
- Aufmerksamkeit: Schwierigkeiten, sich über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, insbesondere bei monotonen Tätigkeiten; hohe Ablenkbarkeit; Schwierigkeiten, Aufgaben zu organisieren und zu Ende zu bringen; Vergesslichkeit im Alltag; häufiges Verlegen von Gegenständen
- Hyperaktivität / innere Unruhe: Im Erwachsenenalter seltener als sichtbare motorische Unruhe, häufiger als anhaltendes Gefühl innerer Rastlosigkeit, Schwierigkeiten beim Abschalten und Entspannen, ausgeprägter Bewegungsdrang
- Impulsivität: Vorschnelle Entscheidungen und Aussagen, Unterbrechen anderer im Gespräch, Schwierigkeiten abzuwarten
Darüber hinaus berichten viele erwachsene Betroffene von einer ausgeprägten emotionalen Reagibilität — also stärkeren und schneller wechselnden Gefühlsreaktionen als bei anderen Menschen — sowie von Phasen intensiver Konzentration auf Themen, die besonders interessieren (sogenannter Hyperfokus).
ADHS im Erwachsenenalter — eine eigene Symptomatik
Bei Erwachsenen zeigt sich ADHS häufig anders als im Kindesalter. Zur Einordnung werden ergänzend zu den offiziellen Diagnosekriterien häufig die sogenannten Wender-Utah-Kriterien herangezogen, die speziell für das Erwachsenenalter entwickelt wurden. Dazu zählen unter anderem:
- Anhaltende Aufmerksamkeitsstörung und leichte Ablenkbarkeit
- Innere Unruhe und Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen
- Stimmungsschwankungen, häufig mit Phasen von Unzufriedenheit oder Antriebslosigkeit
- Schwierigkeiten, Aufgaben im Alltag und Beruf zu strukturieren und zu planen
- Neigung zu impulsiven Gefühlsausbrüchen
- Impulsivität in Entscheidungen und im sozialen Miteinander
- Überschießende Reaktionen auf Stress und Belastung
Diese Symptome können sich erheblich auf Beruf, Partnerschaft und Alltagsorganisation auswirken — werden von Betroffenen selbst aber oft nicht mit ADHS in Verbindung gebracht, sondern als persönliche Schwäche erlebt.
Diagnostik
Es gibt keinen einzelnen Labor- oder Bluttest, der ADHS nachweist. Die Diagnose ergibt sich aus dem Gesamtbild eines ausführlichen ärztlichen Gesprächs. Dazu gehören insbesondere:
- Eine ausführliche Anamnese der aktuellen Beschwerden und ihrer Auswirkungen auf Alltag, Beruf und Beziehungen
- Ein Blick auf die Kindheit und Jugend, da sich erste Anzeichen typischerweise bereits früh zeigen
- Standardisierte, wissenschaftlich anerkannte Fragebögen zur Selbst- und ggf. Fremdeinschätzung
- Eine sorgfältige Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen können (siehe unten)
Bei einer erstmaligen Diagnosestellung im Erwachsenenalter wird zusätzlich abgeklärt, ob bereits im Kindesalter entsprechende Anzeichen vorlagen — dies ist Voraussetzung für die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter. Wie der Diagnostikprozess im Detail abläuft, welche Fragebögen zum Einsatz kommen und wie der anschließende Therapieplan aussieht, lesen Sie auf der Seite ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter.
Wichtige Abgrenzungen (Differenzialdiagnosen)
Da einzelne ADHS-Symptome auch bei anderen Erkrankungen auftreten können, gehört deren Ausschluss bzw. Berücksichtigung zu einer sorgfältigen Diagnostik dazu — etwa bei Schilddrüsenüberfunktion, Schlafstörungen (z. B. Schlafapnoe), affektiven Störungen, Angststörungen oder im Zusammenhang mit Substanzkonsum. Nicht selten bestehen ADHS und eine oder mehrere dieser Erkrankungen auch gleichzeitig.
Therapie
Die Behandlung wird individuell auf die Symptomatik, den Leidensdruck, vorhandene Begleiterkrankungen und die persönlichen Ziele der oder des Betroffenen abgestimmt. Grundlage ist immer eine ausführliche Aufklärung über das Krankheitsbild (Psychoedukation). Je nach Ausprägung kommen medikamentöse und nicht-medikamentöse Bausteine einzeln oder kombiniert zum Einsatz.
Medikamentöse Therapie
Im Erwachsenenalter kommen vor allem zwei Substanzgruppen zum Einsatz:
- Stimulanzien gelten in der Regel als Mittel der ersten Wahl und wirken über eine Erhöhung von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn
- Nicht-Stimulanzien kommen infrage, wenn Stimulanzien nicht vertragen werden oder bestimmte Begleiterkrankungen wie Angst- oder Suchterkrankungen vorliegen; der Wirkeintritt erfolgt hier langsamer
Die genaue Auswahl, Dosierung und Verträglichkeit werden im persönlichen Gespräch besprochen und im Verlauf ärztlich begleitet — inklusive regelmäßiger Kontrollen. Nicht jede Person mit ADHS benötigt zwingend Medikamente; das wird gemeinsam entschieden.
Nicht-medikamentöse Bausteine
- Psychotherapeutische Verfahren, insbesondere Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie
- Konkrete Strategien für Alltagsstruktur, Zeitmanagement und Priorisierung
- Ergänzend: regelmäßige körperliche Aktivität, die sich nachweislich positiv auf die Symptomatik auswirken kann
- Einbeziehung von Partner:in oder nahestehenden Personen, wo hilfreich
Begleiterkrankungen
ADHS im Erwachsenenalter tritt nur selten allein auf. Besonders häufig bestehen gleichzeitig eine depressive Erkrankung, eine Angststörung, affektive Störungen, eine Persönlichkeitsstörung (z. B. Borderline-Persönlichkeitsstörung), ein problematischer Substanzkonsum, Essstörungen oder ein Restless-Legs-Syndrom. Eine sorgfältige Diagnostik berücksichtigt diese möglichen Begleiterkrankungen von Anfang an, da sie die Behandlung mit beeinflussen.

Carina Kulik
Psychosomatik & Schmerzmedizin · ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter · Telemedizin bundesweit
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